Noch mehr „arme Millionäre“

Die Unstatistik des Monats: „Die armen Millionäre“ zeigte, dass die Berechnung des „reichsten einen Prozentes der Bevölkerung auf der Welt“ gar nicht so einfach ist, wie uns die Journalisten, die diese Zahlen übernahmen, vermitteln wollten. Doch der Artikel führte nicht aus, wie hoch nun tatsächlich der Prozentsatz der reichsten Menschen auf der Welt sei. Deshalb fragte das PHT noch einmal nach.

Frau Diplom-Statistikerin (ja, so ein Diplom gibt es wirklich) Katharina Schüller von STAT-UP Statistische Beratung & Dienstleistungen erlaubte uns einen Einblick in die Statistik und zeigte, dass mehr Daten notwendig sind, um komplexe Sachverhalte zu erklären.

PHT: Frau Schüller, Sie und Ihr Team beweisen Monat für Monat in der „Unstatistik des Monats“, dass es gar nicht so einfach ist, statistische Daten zu ermitteln. Nun zur aktuellen Unstatistik: Was ist denn nun die Auflösung des Sachverhaltes? Stimmt nun das eine Prozent, setzt sich jedoch aus ganz anderen Schichtangehörigen zusammen? Oder sind die Prozentangaben grundsätzlich falsch? Mir fehlt die Antwort auf die Frage, wie sich das Vermögen auf der Welt nun tatsächlich verteilt.

Katharina Schüller:  Drei Punkte erachte ich als Antwort auf Ihre Frage für wesentlich:

  1. Die Datenlage ist ausgesprochen dürftig; nur für 31 Länder liegen überhaupt (unvollständige) Werte über die Vermögensverteilung vor, so dass ein Großteil der verwendeten Zahlen auf Schätzungen beruht.
  2. Im ärmsten Zehntel der Reichtumsverteilung ist das Nettovermögen negativ, umfasst also mehr Schulden als Bruttovermögen. Ein typischer Vertreter dieser Klasse ist ein überschuldeter Privathaushalt in einem (eigentlich) wohlhabenden Land, wobei die Überschuldung durchaus nur auf dem Papier existieren kann. Das betrifft nicht nur Millionäre mit Millionenschulden, sondern v.a. beispielsweise amerikanische Eigenheimbesitzer, deren Haus derzeit (noch) weniger wert ist als die Hypothek, mit der das Eigenheim finanziert wurde. Sollten die Immobilienpreise wieder steigen, ist derselbe Haushalt plötzlich wieder vermögend, ohne dass sich faktisch etwas an seinem Besitz verändert hat. Grund dafür ist, dass ein Großteil des Vermögens in Industrienationen aus Buchwerten besteht.
  3. Bei den 1% vs. 99% handelt es sich um eine Prognose von Oxfam, die auf einer Fortschreibung des Trends von 2010 bis 2014 beruht. In dieser Zeit hat der Anteil der 1% Vermögendsten am Gesamtvermögen (sofern man der dürftigen Datenlage glaubt, siehe 1.) leicht zugenommen, in Deutschland beispielsweise von 27,7% auf 28%. Weitet man den Zeitraum, auf dessen Basis der Trend geschätzt wird, jedoch aus auf die Jahre 200 bis 2014, so hat der Anteil der 1% Vermögendsten am Gesamtvermögen umgekehrt sogar abgenommen (D 2000: 31%). Je nachdem, auf welcher Basis also die Prognose erfolgt, kann man auch zu dem Ergebnis kommen, dass sich die Schere zwischen Arm und Reich zukünftig wieder ein wenig schließt.

PHT: Also gibt es für die Frage, wie sich das Vermögen in der Welt verteilt, gar keine Antwort?

Katharina Schüller: Wir können aufgrund der von der Credit Suisse zur Verfügung gestellten Daten den Schluss ziehen, dass sich das Vermögen sehr ungleich auf der Welt verteilt. Exakte Zahlenangaben halte ich jedoch aufgrund meiner oben aufgeführten Argumente zwangsläufig für falsch.

PHT: Wir danken für die Klarstellung.

Hinweisen möchte das PHT noch auf ein Interview zum Thema, das Katharina Schüller auf DRadio Wissen gegeben hat und das deutlich mehr ins Detail geht: Globaler Reichtum

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