Scripted Reality – Die Realität des fiktiven Wohnzimmers

Gilt für Fotografen, dass ihre Darstellungen nur eine Momentaufnahme der Wirklichkeit sind und oft geschönt, verändert, verfälscht oder im schlimmsten Fall gestellt, trifft dies für die Kamera umso mehr zu.

Bei Scripted Reality (SR) fangen Kameramänner keine normalen Drehs mehr ein, sondern arbeiten nach Drehbuch. Sie haben sehr lange Real-Dokus gemacht und werden nun von den Sendern eingesetzt, dem Zuschauer eine desolate Welt vorzugaukeln. Doch kann man nicht von schlimmen oder guten Formaten sprechen, da die Übergänge fließend sind. Dennoch macht es vielen Medienvertretern Sorgen, wenn die Formate nicht gekennzeichnet werden.

Zwar gibt es reale Fälle, in denen das passiert ist, was in Scripted Reality dargestellt wird. Gleichwohl basieren diese Darstellungen nicht auf der Realität. Sie sind so, wie sie ausgestrahlt werden, nach Drehbuch und eben nicht echt. Der Zuschauer als Voyeure, der sich an aggressiven, streitsüchtigen und gewalttätigen Mitmenschen ergötzt.

Realitäten, mit Laienschauspielern (nach)gespielt, stark überzeichnet und oft fiktiv. Das ist Scripted Reality. Täglich auf den privaten Fernsehsendern, gaukeln sie den Zuschauern Realitäten vor, die so oder oft gar nicht existieren. Tatsächlich ist vielen Zuschauern nicht klar, dass es sich bei diesen Sendungen um Fiktionen handelt. So ergab eine repräsentative Online-Umfrage des Instituts Ipsos, das 16 Prozent von 1.000 befragten Zuschauern beispielsweise bei der Sendung „Die Schulermittler“ überzeugt sind, die dargestellten Handlungen seien echt und 39 Prozent sich nicht sicher sind, ob sie echt sind. Nur 45 Prozent durchschauten die Irreführung. Tatsächlich habe es schon Nachfragen nach Schulermittlern gegeben. Auf die Frage, ob die dargestellten Szenen so oder ähnlich geschehen könnten, waren sich immerhin 49 Prozent der Befragten sicher, dass dies sein könnte.

Die Produktionsfirmen sagen, dass diese Formate eher etwas für bildungsferne Schichten sind und es gibt zumindest eine Studie, die darauf hinweist, dass bildungsfernere Schüler, in dem Fall Hauptschulabgänger, für solche Sendungen, in Bezug auf Glaubwürdigkeit zugänglicher sind. Die Studie wurde von einer „Gesellschaft zur Förderung des Jugend- und Bildungsfernsehens“ realisiert. Es wurden dabei 800 Schüler befragt und 20 Prozent haben erkannt, dass das Scriptlyinhalte waren. Also nur 20 Prozent wussten, dass da irgendwas falsch ist. Hauptschüler haben es schwerer zu unterscheiden, was echt ist und was nicht.

Andererseits gibt es Studien die belegen, dass sich die Zuschauer auf die verschiedenen Bildungsstränge; Hauptschule, Real- / Fachschule und Gymnasium / Uni, recht gleichmäßig verteilen. Weiter wurde herausgefunden, dass Fernsehen grundsätzlich, gleich welcher Bildungsschicht der Zuschauer angehört, das Weltbild von jungen Menschen sehr stark beeinflusst. Viele Dinge, wie beispielsweise Schülercops, werden geglaubt. Wenn Schülerermittler mit hartem Einsatz in den Schulen durchgreifen, sind diese Schülerermittler nicht echt. Diese Rolle gibt es gar nicht. Und dann ist das schon ein Problem, wenn das vorher nicht eingeblendet wird. wenn ich dort sehe, dass eine Mutter mit einer gewissen Qualität ihre Tochter anschreit, und ich mir über diese Mutter ein Bild erlaube, sie beispielsweise für besonders vulgär halte, ist das eine Gefahr, denn sie spielt das Ganze nur.

Doch nicht nur die Zuschauer bleiben hier auf der Strecke. So gab es den Fall einer Laiendarstellerin, die eine asoziale Mutter in einem Scripted Reality darstellte und deren Tochter daraufhin in der Schule gemobbt, beschimpft und ausgegrenzt wurde, da die Klassenkameraden die Darbietung der Mutter geglaubt hatten. Die Mutter stand nun vor der Frage, ihrem eigenen Wunsch als Laienschauspielerin nachzukommen und damit Geld zu verdienen – immerhin 1.000 Euro in der Woche, oder das Wohl ihrer Tochter wichtiger zu nehmen. Sie entschied sich für die Kamera, war der Wunsch nach Anerkennung und Abwechslung doch größer, als ihr Verantwortungsbewusstsein ihrem Kind gegenüber.

Nichtsdestoweniger bauen die Produktionsfirmen auf Laienschauspieler, eben weil sie authentischer ‚rüberkommen, weil sie nicht immer drehbuchgerecht reagieren, weil sie oft aus Verhältnissen kommen, in denen die Eskalation in der Familie Normalität ist und weil ihre Sprache oft derber als das Drehbuch ist. Auch werden sie eingesetzt, um „bekannte Gesichter“ zu vermeiden, und damit Anschein von Echtheit zu simulieren.

Die Sender argumentieren zu dem Vorwurf, dass diese Sendungen innerhalb des Abspanns oft nicht eindeutig gekennzeichnet seien, dass diese Sendungen als solche ja unter der Fernsehrubrik „Unterhaltung“ ausgestrahlt würden und dass das reiche. Fraglich ist hier, ob der Zuschauer diese Unterscheidung trifft.

Seit 2014 gibt es nun eine Kennzeichnungsmöglichkeit, die „Leitlinien für die Kennzeichnung und deren Wahrnehmbarkeit bei Scripted-Reality-Formaten.“ Sie sind freiwillig, ihre Formulierung selbstgewählt und sie kommen nur im Abspann vor, wobei die Frage erlaubt sei, wer sich interessiert den Abspann einer Sendung durchliest. Dazu kommt, das Wiederholungen und bereits produzierte Filme keine derartige Formulierung benötigen. Der Kern dabei ist, dass es solche Hinweise schon immer gegeben hat. Auch kann es jedes Bundesland handhaben, wie es möchte, sind die privaten Sender doch Ländersache.

Hertha-Margarethe Kerz

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