Welt aus den Fugen – fünf Blickwinkel auf Ukraine-Krieg

Was denken Sie über Putins Krieg gegen die Ukraine? Was sind Ihre Ängste? Was denken Sie über den Aggressor? Was über die Reaktionen des Westens? Fünf sehr unterschiedliche Denker und Denkerinnen haben für den stern ihre Gedanken zu diesen Fragen aufgeschrieben – in überraschenden und provozierenden Antworten.

Der Soziologe Harald Welzer etwa kritisiert, wie auch bei uns im Land „rasend schnell ein Narrativ aktivierbar ist, das der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg entstammt – als hätte es die ganze Zeit als Untoter im mentalen Untergrund geschlummert“. Welzer beklagt, wie „eine Ästhetik und Rhetorik des Krieges zelebriert wird, die wir seit Jahrzehnten für nicht mehr gesellschaftsfähig gehalten hatten.“ Es sei zudem „eine fatale Überblendung ganz unterschiedlicher Problemstellungen, wenn die Sicht der Angegriffenen die Logik des Handelns vorgibt. Sich zu wehren ist das eine, aber wenn man die Ukraine unterstützen und zugleich eine neue Sicherheitsordnung bauen will, ist es mit Wehren nicht getan.“

Auch Alice Schwarzer warnt vor bedenklicher Heldenverehrung. „Höre ich das Wort Helden im Zusammenhang mit Krieg“ schreibt sie, „zucke ich zusammen. Denn ich weiß: Jetzt wird wieder gestorben. Und es sind selten die großen Helden, die sterben. Meist die kleinen Leute“. Die Feministin sorgt sich zudem um die Frauen aus dem Kriegsgebiet: „Die fliehen zu Fuß mit ihren Kindern. Wenn sie erschöpft die Grenze erreichen, warten da schon die Männer, die sie in die Prostitution abschleppen wollen. Auch an deutschen Bahnhöfen haben die Gentlemen sich bereits positioniert. Die Polizeigewerkschaft warnt.“ Im Netz, so Schwarzer, werde in einschlägigen Foren schon über „Frischfleisch aus der Ukraine“ gejubelt.

Die Publizistin Diana Kinnert widmet sich in ihrem Text den sozialen Medien und vermisst dort „Trennschärfe, Nüchternheit und kühle Vernunft“. Europas Influencer, so beklagt sie, „posieren in Sturmhauben, mit kugelsicheren Westen und Schusswaffen aus dem Karneval. Warcore ist wieder da. Mittendrin statt nur dabei.“ Der Protest gegen die russische Staatsführung treibe zudem absonderliche Blüten: „Sie umfasst nicht nur die Ablehnung Putins und seiner Staatsorgane“ so Kinnert. „sondern lässt dumpfen Rassismus mit einem Mal legitim erscheinen, als sei gerade dem Europäer sein 20. Jahrhundert kurzerhand entfallen.“

Daniel Barenboim wiederum mahnt Zwischentöne im Kulturbetrieb an. Im Falle der Operndiva Anna Netrebko erklärt der Dirigent, dass man sich gemeinsam mit ihr darauf verständigt habe, im Juni eine geplante Turandot-Aufführung nicht zu spielen. „Es war eine ganz schwierige Situation“, erzählt Barenboim. „Sie war und ist gegen den Krieg, vielen Menschen genügt das aber nicht“. Wenn jemand den Krieg als solchen verteidige, dann, so Barenboim, „sollte man ihn ausschließen, das ja.“ Aber man dürfe nicht vergessen, dass viele russische Künstler und Künstlerinnen Familienmitglieder in Russland haben, die dort leben müssen. Man dürfe von niemandem erwarten, „deren Leben in der Diktatur zu gefährden.“

Auch der Philosoph und Bestseller-Autor Richard David Precht kritisiert einige Reaktionen des Westens auf den Ukraine-Krieg. Für ihn bilden das berechtigte Mitgefühl mit den Kriegsopfern in der Ukraine auf der einen und auf der anderen Seite Waffenlieferungen, „die diesen schrecklichen Krieg noch weiter verlängern und weitere Todesopfer und Verletzte hervorrufen, einen knochenharten Widerspruch.“ Die tiefe Empörung über das himmelschreiende Unrecht der russischen Invasion sei verständlich, sie könne gar nicht groß genug ausfallen. „Aber“, so Precht, „sie befreit nicht davon, realpolitisch alles dafür zu tun, um das Allerschlimmste zu verhüten.“ Die Geschichte lehre: „Eine europäische Friedensordnung, in der Russland keine Rolle spielt oder die gegen Russland gerichtet ist, ist eine Zeitbombe, ein zerfallendes Russland ein Pulverfass“. Hoffnung verspreche, so Precht, „nur ein schnelles Ende des Krieges mit einer neutralen Ukraine.“ Am Schluss seines Textes beruft sich Precht auf einen großen deutschen Idealisten: „Die friedlichen Zeiten, meinte einst Hegel, sind die leeren Blätter im Buch der Weltgeschichte. Sie nicht mit weiterem Leid zu schwärzen, ist die Moral der Stunde.“

Alle fünf Essays können Sie ab sofort bei www.stern.de/plus lesen und ab Donnerstag im aktuellen stern Magazin.

Quelle: stern 

Wenn man dann noch weiß, dass Putin diesen Krieg gar nicht begonnen hat, sondern Obama …

 

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