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Nov 01 2016

Netzspionage – Intime Daten von Millionen Deutschen im Handel

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Netzspionage – Unsere Daten im Netz

Was wir im Internet tun, zeigt, wer wir sind: Einkaufen, Bank-Geschäfte, Reiseplanung oder Porno – alles online. Multinationale Firmen machen aus diesen Informationen ein Milliardengeschäft. Sie sind in der Lage, jeden Schritt mitzuzeichnen, den User im Internet unternehmen. Diese Informationen verkaufen sie dann in Paketen weiter – angeblich anonymisiert und ohne Schaden für den Nutzer. Recherchen des NDR zeigen indes, wie einfach sich diese Daten konkreten Personen zuordnen lassen und wie umfangreich sie intime Details aus dem Leben der Nutzer preisgeben.

Netzspionage – Panorama und ZAPP decken auf

In einer monatelangen Recherche konnten Reporter der NDR Fernsehmagazine „Panorama“ und „Zapp“ Zugang zu einem umfangreichen Datensatz erlangen und ihn auswerten. Darin enthalten ist jede Bewegung von Millionen von Internet-Nutzern im Monat August. Mit den Daten lässt sich das Leben der User bis in den intimsten Bereich nachzeichnen. In dem Datensatz finden sich neben privaten Nutzern auch Personen des öffentlichen Lebens: Manager, Polizisten, Richter, Staatsanwälte und Journalisten.

Ihre Internetaktivitäten geben intime Geheimnisse aus dem Berufs- und Privatleben preis: Informationen zu laufenden Polizeiermittlungen, die Sado-Maso-Vorlieben eines Richters, interne Umsatzzahlen eines Medienunternehmens und Suchanfragen zu Krankheiten, Prostituierten und Drogen. Die Daten lassen auch Rückschlüsse darauf zu, wann sich einzelne Nutzer wo aufgehalten haben und erlauben so, Bewegungsprofile zu erstellen. Insgesamt umfasst der ausgewertete Datensatz mehr als zehn Milliarden Webadressen, aufgerufen von rund 3 Millionen Usern aus Deutschland.

Netzspionage – Beispiele zeigen fatale Lücken auf

Wie nackt sich die Nutzer im Netz unfreiwillig darstellen, zeigt das Beispiel eines Managers aus Hamburg. Sein Datensatz beinhaltet unter anderem eine Reihe von Links zu einem Online-Speicher-Dienst, bei dem er Unterlagen zu einem Hausbau abgelegt hat. Jeder, der diese Adressen kennt, kann darüber Kontoauszüge, Architektenzeichnungen, Lohnabrechnungen mit Hinweisen auf das Bonussystem des Arbeitgebers, eine Kopie des Personalausweises und detaillierte Auszüge aus den Unterlagen zu einem Bankkredit abrufen. Dabei sind Namen und Anschrift des Managers und seiner Frau ebenso sichtbar wie Telefonnummern und E-Mail-Adressen. Kriminelle könnten mit Hilfe dieser Unterlagen die Identität des Mannes kapern oder ihn mit den Details zu seinem Surfverhalten erpressen.

Netzspionage nur durch Undercoverjournalisten aufdeckbar

Um an die Informationen zu gelangen, haben die NDR Reporter eine Scheinfirma gegründet, die vorgeblich im „Big Data“-Geschäft aktiv ist. Gleich mehrere Firmen zeigten sich bereit, die Webdaten deutscher Internetnutzer verkaufen zu wollen – ein Unternehmen bot die nun ausgewerteten Daten schließlich als kostenlose Probe an. Datenpakete wie dieses bieten unzählige Firmen an. Erhoben werden die Daten unter anderem durch sogenannte Browsererweiterungen. Diese kleinen Zusatzprogramme dienen sich als praktische Helfer im Alltag an, zum Beispiel, um Downloads zu verwalten oder die Sicherheit von Webseiten zu prüfen. Doch einmal installiert, übermitteln die Programme im Hintergrund alle besuchten Seiten eines Nutzers an einen Server, wo die Daten gesammelt und zu Nutzerprofilen gebündelt werden. Diese Datensätze werden etwa an die Werbeindustrie verkauft, um gezielt Anzeigen zu schalten. Die meisten Unternehmen betonen in ihren Datenschutzerklärungen, sie würden keine persönlichen Daten erheben, die Rückschlüsse auf die Identität der Nutzer zulassen. Die Recherche des Politikmagazins „Panorama“ zeigt, dass sich den Informationen durchaus die betreffenden Personen zuordnen lassen.

Reaktion der Politik auf die Netzspionage

Der netzpolitische Sprecher der SPD, Lars Klingbeil, zeigte sich überrascht von den Recherchen. Er wertet sie als eine neue Form der Überwachung im Netz. Es brauche „auf jeden Fall Aufklärung darüber, welche Daten eigentlich erhoben werden und was mit den Daten dann passiert“, sagte Klingbeil dem NDR. „Und wenn es nicht reicht, mit Vertrauen zu arbeiten, dann müssen Gesetze her“, so Klingbeil weiter.

Im NDR Fernsehen berichtet „Panorama 3“ am Dienstag, 1. November, um 21.15 Uhr über das Thema. Das NDR Medienmagazin „Zapp“ wird sich in seiner Sendung am Mittwoch, 2. November, um 23.20 Uhr im NDR Fernsehen mit konkreten Fällen befassen, in denen Journalisten ausgeforscht wurden. Das NDR Politikmagazin „Panorama“ im Ersten informiert am Donnerstag, 3. November, um 21.45 Uhr über Fälle aus der Bundespolitik.

Mehr Informationen zu der Sendung Panorama finden Sie hier und mehr zur Sendung ZAPP finden Sie hier. Auf Twitter informiert die Redaktion unter #nacktimnetz.

NDR / Das Erste
1. November 2016
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