Wie Bilder die Wirklichkeit verzerren

Die Fotografie ist im Wandel begriffen. Heute fotografiert jeder jeden und sich selbst überall. Alles und nichts wird fotografiert, Auswahl wird nicht mehr getroffen. Ob das Mittagessen für so wichtig gehalten wird, es der gesamten Webcommunity zu zeigen, betrunkene Jugendliche sich bei einer Party gegenseitig ablichten oder in einem KZ strahlende Mädchen Selfies von sich vor Krematorien erstellen und bei Twitter hochladen. Es gibt keine Ausnahmen, keine Schranken, keine Tabus mehr. Das Bild von Papa, der die Geburtstagsfeier der jetzt Achtzehnjährigen verewigen möchte, und alle von ihren Kuchentellern aufschauend, verschmitzt, verkniffen, verzerrt grinsend oder je nach dem wie dem Einzelnen gerade zumute ist, von der Kamera festgehalten werden, dieses Bild gibt es kaum noch. Das es vorher noch Streit gegeben hat, dass der Mutter der Kuchen angebrannt war und dass sich das Ehepaar eben noch über den Auslandsaufenthalt der Tochter auseinandersetzte, nichts davon wird auf dem Foto zu sehen sein. So findet das gestellte Bild in der Realität kaum noch seine Interessenten. Die Community will kein gestelltes Theater, sie will die Show des Lebens, in Echtzeit, jetzt und sofort.

Und wie halten es die Fotojournalisten? Sie arbeiten wie eh und je und schönen, verändern, verfälschen oder stellen im schlimmsten Fall ein Bild, welches dann eine Aussage transportiert, die nie ausgesprochen worden ist. Mit den elektronischen Medien noch viel einfacher, als zu Zeiten, der ausschließlichen Papiermedien Die aktuelle Darstellung der Politiker in Paris. Sie hatten sich zusammengefunden, gegen den Terror zu marschieren. Vereint in ihrem Protest in einer geschlossenen Formation, marschierten sie vor dem Volk, vor dem Zug der Demonstranten. Später stellte sich heraus, dass weitab der Demonstranten in einer Straße einige Dutzend Politiker als Gruppe auftraten und sich ablichten ließen. Millimetergenau positioniert, wie die Öffentlichkeit es sehen sollte. Weder war dies aus dem Bild zu erkennen, noch wurde es im Text des Artikels oder in der Bildunterschrift richtig gestellt. Dem Leser wurde suggeriert, die Politiker marschieren mit dem Volk. Das ist die eine Seite.

Natürlich gab es sie schon immer, natürlich wurden Bilder schon immer geschönt. Doch jetzt, da der Leser es weiß und vor allem sieht, dass die Realität, die er selbst fotografiert, mindestens genauso faszinierend sein kann, und auch noch authentischer, jetzt ist er nicht mehr bereit, lebende Stillleben zu akzeptieren.

Und so ist die andere Seite des Fotojournalismus vielleicht noch gruseliger geworden. Bilder werden von den Redakteuren heute über Bildagenturen gekauft, lieber noch, wie bei fotolia und anderen Umsonstplattformen, heruntergeladen. Alternativ muss die Firma oder Institution, die in dem Beitrag genannt wird, Bilder kostenlos zur Verfügung stellen. Das Bild, welches eine eigene Aussagekraft hat, interessiert nicht mehr. Fotoreportagen zu einem bestimmten Thema, kommen nur noch in Fotomedien wie GEO oder national geographie vor. Bilder sind heute bloße Unterhaltung, Eycatcher, damit der Leser keine ganze Seite Text vor sich hat, Symbolfotos, die unterstellen, dass der Leser sonst nicht weiß, wovon die Rede ist. Das Medium Zeitschrift selbst, verkommt zu einem Comic. Wenig Text, viel nichtssagendes Bild, unterbrochen von Werbeanzeigen. Das Bild hat keine eigene Story mehr. Es ist Platzfüller, Lückenbüßer für die Redaktion, um nicht zu viel Text kaufen zu müssen. Echte Fotografie findet sich nur noch in Ausstellungen und Galerien, eingestellt von Fotografen, die eigene Themen aus Passion verfolgen und dort veröffentlichen, was eigentlich in Magazine und Illustrierte gehört.

Bilder sind heute noch weniger authentisch. Sowohl Print als auch TV haben kein Interesse mehr an einer individuellen Bildsprache. Alle bedienen sich aus den selben Quellen. Bilder müssen universell einsetzbar sein. Doch woran liegt das? Die Medienmacher behaupten, Medien seien ein Spiegelbild der Gesellschaft. Das Tempo würde in ihr immer schneller. Lesegewohnheiten veränderten sich. Heute habe kaum noch jemand Interesse, sich intensiv mit einem Text oder Bild auseinanderzusetzen. Somit müsse ein Bild sofort funktionieren. Hier stellt sich die Frage, ob diese Einschätzung stimmt. Wenn doch oben zu sehen war, dass die Menschen die Realität sehen wollen, ist es dann nicht eher so, dass die Medien hier etwas falsch verstanden haben? Oder könnte es eine Ausrede sein, qualitativ hochwertige Bilder nicht kaufen zu müssen, da diese ihren Preis haben?

Fakt ist, dass ein schlechtes Bild einen Artikel ruinieren, ihn zumindest entwerten kann. in Anbetracht der Medienkrise und dem Mediensterben, sollten Redakteure durchaus einmal in sich gehen und sich fragen, ob schlechte Bilder nicht ein weiterer Schritt auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit ist.

Hertha-Margarethe Kerz

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