Kriegszustand! Wenn Journalist auf Statistik trifft

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Das Beispiel Glyphosat

Kaum etwas erregt einen Journalisten mehr, als eine Statistik mit überdimensionierten Zahlen. 80 % lassen sein Herzchen höher schlagen, 90 % lassen ihn jubeln und ab 93 % tanzt er auf dem Tisch. Versprechen doch alle Prozentzahlen ab 90 % Horrorstimmung beim Leser – also eine Steigerung der Wahrnehmung des Mediums – schließlich legt Journalist keine Positivmeldungen vor.

Doch leider, leider, beherrschen die meisten Journalisten nicht einmal die einfachsten Grundlagen statistischer Auswertungen. Weder können sie selbst eine Statistik erstellen, noch eine ihnen vorliegende Statistik richtig lesen oder gar aus statistischen Ergebnissen die richtigen Schlüsse ziehen. Nicht einmal eine adäquate Fragestellung, um eine saubere statistische Untersuchung durchzuführen, ist ihnen möglich.

Und so wundert es niemanden, wenn Zeitungen und viele Zeitschriften voll von statistischem Unsinn sind. Den geneigten Journalisten wundert es höchstens, dass die Kollegen, trotz ihrer Unwissenheit, fleißig weiter statistisches Datenmaterial abdrucken und, dass diese Statistiken immer noch einen enormen Einfluss auf die Leserschaft haben, obwohl auch ihnen klar sein sollte, dass die meisten Behauptungen, die auf Grundlage solchen Datenmaterials gezeitigt werden, schlichter Unsinn sind.

Dies an einem wunderschönen Beispiel, in dem nachgewiesen wird, dass wir alle schwer krank sind. Die Meldung ist schon über ein Jahr alt – doch trotz langandauernder Beobachtung, konnte das PHT keine epidemische Erkrankung in der Bevölkerung feststellen:

Und hier nun die „Unstatistik des Monats“

Meldung des Südwestrundfunks: „Bei 70 Prozent aller deutschen Großstädter konnte das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat im Urin nachgewiesen werden“ (SWR Landesschau aktuell, 13. Juni 2013). Diese Zahl resultiert aus einer Untersuchung des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und seines europäischen Dachverbands Friends of the Earth (FOE) an 182 Stadtbewohnern aus 18 Ländern, davon 10 aus Deutschland. Sie wurde auch von anderen Medien übernommen und ist aus mindestens zwei Gründen als grober statistischer Unfug einzuordnen: Zum einen ist es schlicht unmöglich, aus einer Stichprobe von zehn Personen auf die gesamte deutsche Großstadtbevölkerung rückzuschließen. Zum anderen sagt allein die Existenz eines Schadstoffs noch nichts über dessen Gefahrenpotenzial aus.

Speziell letzteres wird in der Medienberichterstattung über Umweltgifte in aller Regel ignoriert und zur Verunsicherung und Panikmache genutzt. Wie der „Spiegel“ einmal treffend formulierte („Die Angst vor der Endzeit“, Nr. 39/1995), sind diese Giftfunde in erster Linie ein Artefakt von immer präziseren Analysemethoden: „Das Aufspüren kleinster Schadstoffmengen hat zur Folge, dass überall alles gefunden wird.“

Wie der Nahrungsmittelchemiker Bruce Ames in mehreren Untersuchungen nachgewiesen hat, sind chemische Umweltgifte im Vergleich zu natürlichen Schadstoffen quantitativ weitgehend unerheblich. Mehr als 99% aller Pestizide, welche Menschen essen, werden von den Pflanzen selbst erzeugt, in der Regel zum Schutz vor Schädlingen, weniger als 1% sind synthetisch. Und nahezu alle diese Gifte und sonstigen krebserregenden Substanzen, ob natürlich oder synthetisch, sind in Spuren in so gut wie allem enthalten, was wir im Supermarkt kaufen. Etwa die Hälfte aller Krebserkrankungen sind hingegen verhaltensbedingt und werden durch Rauchen, Fettleibigkeit, zuviel Alkohol und ungesunde Ernährung verursacht.

Die Unstatistik des Monats

Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter www.unstatistik.de.

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