Ein “offener Brief” zur Zeitungskrise

Dass Projekt “Liebesbrief” – ein letzter Weckruf
Kommentar von Hertha-Margarethe Kerz

Dpa, Frankfurter Rundschau, Mainzer Rheinzeitung, Münchner Abendzeitung um nur ein paar zu nennen, verschwunden, hinweggefegt durch die Moderne. Und die Moderne heißt Internet. Der böse Molloch, der den armen kleinen Zeitungen die Show stiehlt. Das Internet, in dem die Meldungen selbst gemacht, millionenfach geteilt und verlinkt werden. In dem die Meldung schon aufschlägt, lange bevor sie die Redaktionen erreicht. Das Internet, in dem sich jeder kleine Mensch, der gerade einmal seinen Namen schreiben kann, sich als Starjournalist fühlen darf – erst recht, wenn er ein Handy bedienen kann und die Foto- oder Videofunktion findet.

Nein, liebe Zeitungsmacher, so einfach ist das nicht. Und mit Ausreden ist hier niemandem gedient. Die Zeitungskrise ist ein hausgemachtes Problem, dass schon über ein Jahrzehnt bekannt ist, aber tunlichst ignoriert wurde. Ignoriert von den Verlagseigentümern, Geschäftsführern und nicht zuletzt den Chefredakteuren. Es ist ja auch viel einfacher, von einer Podiumsdiskussion zur nächsten zu hoppeln, damit auch ja der eigene Name im Gespräch bleibt, und sein schweres Schicksal zu beklagen, als in sich zu gehen und sich neu zu erfinden.

Seit Mitte des 17. Jahrhunderts gibt es Tageszeitungen und seit 350 Jahren hat sich an ihr nicht viel verändert. Der Journalist als Alleinherrscher über die öffentliche Meinung, der Journalismus als Souverän, als einzig wissend der Definition von Gut und Böse. Nur der Journalist im Besitz der absoluten Wahrheit weiß, was der Leser wissen darf.

Dieses blasierte Selbstverständnis aufgebaut in 300 Jahren, hat den Journalismus getötet. Anstatt wie selbstverständlich, den Leser als modernen Bildungsbürger mit fundierter eigener Meinung wahrzunehmen, herrscht immer noch das kafkaesksche Verständnis eines Lesers vor, der bei der Lektüre im Schutzraum der vorgekauten Meinung plötzlich sich seiner selbst bewusst wird. „Ich Tarzan, du Jane“, so und nicht anders, wird der Leser von einem großen Teil der Journaille wahrgenommen. Gleichberechtigung des Lesers zum eigenen journalistischen Bildungsstand? Fehlanzeige! Alleinstellungsmerkmale, um sich von der Printkonkurrenz abzusetzen? Welche Konkurrenz? Zusatznutzen, um den Leser als Kunden wahrzunehmen? Was will der Leser denn noch? Soll doch froh sein, dass ich mein allumfassendes Wissen mit ihm teile!

So ist das lange nicht mehr. Wir haben einen Alphabetisierungsgrad in der Gesellschaft von über 97 Prozent. Ein Drittel aller 24 – 37 jährigen haben zwischenzeitlich einen Hochschulabschluss. Und genau diese Klientel ist die Zukunft des Journalismus. Wenn er nicht völlig aussterben will, müssen die Medien endlich begreifen, dass ihre Verantwortung aus der Auseinandersetzung mit dem Leser besteht, nicht aus der Bevormundung. Oopps! Ich vergaß, es gibt ja die Kommentarfunktion – bei einigen Zeitungen, über die der Leser auch etwas sagen darf – aber nur, wenn nicht mit Widerrede zu rechnen ist – und natürlich meist zensiert.

Information ist heute so beliebig, dass der Konsument eher durch die Flut überfordert ist, als dass er nach ihr giert. Information ist heute ein Produkt und eine Dienstleistung, wie jede andere. Ein deutscher Leser weiß innerhalb von Minuten, wenn in Asien der klassische Sack Reis umfällt. Und nicht nur das. Er erhält ein Video, weiß, wer der Eigentümer ist und wie viel Verlust dieser dadurch hat. Verlage, die das nicht wahrnehmen wollen, werden überrollt. Oder wie kann es sein, dass eine „Münchner Abendzeitung“ mit 100.000 Lesern pleite geht? Was tun die Medien nicht, sodass ihre Leser weglaufen? Wenn ein Produkt allgegenwärtig ist, und eine Dienstleistung ehrenamtlich erfolgt, wäre es Zeit, einmal zu schauen, wie andere Produkt- und Dienstleistungsbereitsteller am Markt agieren. Das Zauberwort heißt Originalität. Und diese Originalität ist nur durch Zusatznutzen zu generieren.

Es ist so einfach, und doch so peinlich, darauf hinweisen zu müssen: Ein Kunde hat das Recht, wenn er für eine Dienstleistung oder ein Produkt zahlt, auch etwas zu bekommen, dass er nicht an anderer Stelle umsonst erhält – also Originalität und Einmaligkeit der Information. In einer Zeit, in der die Halbwertzeit von Informationen teils nur noch 30 Minuten beträgt, ist ein Abo von 12 Monaten ein Anachronismus. Journalismus muss wieder in die Hände von Spezialisten. Nein, nicht von eifersüchtigen Hütern ihres Wissens, die fünf Informationen in zehn Artikeln verstecken und sie häppchenweise auf den Markt werfen, sondern von Menschen, deren Existenz darin besteht, zu lernen, zu wissen und dieses Wissen teilen zu wollen. Menschen, für die das Teilen von Wissen eine Lebensphilosophie ist – und nicht die Frage, wann der Verlag endlich zahlt, weil die Kontoüberziehung schon längst am Limit ist. Und wo bleibt der Zusatznutzen für den Leser? Was bieten Verlage dem Leser sonst, als ihn zu kaufen und zu bestechen, um ein Abo zu ergattern? Hier fängt die Arbeit der Herausgeber an. Generieren Sie für den Leser einen Zusatznutzen. Beim Denken hilft es sicher, einmal zu schauen, was andere Unternehmen für ihre Kunden tun.

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Alle Informationen, Texte und Bilder auf der Website “Industriejournalismus” unterliegen dem Urheberecht. Dieses wird stringent verfolgt. Alle Texte und Bilder, wenn nicht anders vermerkt: Hertha-Margarethe Kerz.

2 Kommentare zu „Ein “offener Brief” zur Zeitungskrise“

  1. Dem kann ich nur zu 100% zustimmen!

    Nicht das „böse“ Internet setzt den Verlagen zu sondern eigene Fehler und Versäumnisse. Ein Großteil der Artikel sind dpa-Copy&Paste-Erzeugnisse. Dabei werden Fakten oft nicht überprüft oder – noch schlimmer – extrem einseitig präsentiert (z.B. Ukraine). In den Kommentarspalten werden die Artikel oft in der Luft zerrissen – zu schlampig wird recherchiert. Man bekommt den Eindruck, dass Artikel nur noch mit minimalem Aufwand nach einem festen Schema produziert werden. Journalistische Arbeit scheint nur noch ein Einzelfällen praktiziert zu werden. Wo sind die Journalisten die noch ihren Job machen? Wo sind die solide recherchierten, investigativen Artikel? Kurz gesagt: Wo ist der Journalismus der einen Unterschied macht?

  2. Hertha Kerz

    Dein Eindruck täuscht nicht. Die Zeitungen müssen vollgekloppt werden, da sind alle Buchstaben recht, die vorbeikommen. Und da bieten sich Agenturmeldungen mehr denn besser an. Recherche bedeutet, dass man raus muss. Man muss das warme Büro verlassen. Für jede Info benötigt man mindestens drei Quellen, um zu verifizieren (oder falsifizieren), man telefoniert manchen Interviewpartnern tagelang hinterher, bis man sie endlich erwischt, weil Pressesprecher heute auch nicht ausgebildet sind, und deshalb nicht wissen, was sie wie tun und können müssen, wo wer zu finden ist, wer Auskunft geben kann / darf usw. (ich will was mit Medien machten). Beim Redakteur muss man sich durchsetzen, dass der Artikel nicht umgeschrieben und verwüstet wird. Bei den Interviewpartnern muss man sich durchsetzen, dass diese zu ihren Zitaten stehen und nicht plötzlich ihren Hintern auf dem Grundeis sehen. Die Erstellung eines Artikels ist aufwändig und stressig – und dazu kommt, dass man extrem wenig Platz bekommt. Heute sind Zeitschriften oft bessere Comics: Viiiiiiieeel Bild, wenig Text. Angeblich, weil der Leser ja gar nicht lesen will ?!? Wenn aber zu wenig Text da ist, kann man eine Sache nicht sauber erklären – was zu einer Verzerrung der Inhalte führt.

    Ein weiterer Punkt ist, dass Journalisten oft einen Bauchladen mit sich herumschleppen. Sie haben sich nicht spezialisiert, sondern „können ja alles“ (überhaupt kein Problem), das führt dazu, dass sie oft nicht einmal inhaltlich verstehen, was ihnen erzählt wird und sie schreiben es trotzdem. Die Bildung vieler Journalisten ist extrem grottig. Aber wie kann ich über etwas schreiben, von dem ich keine Ahnung habe?

    Und dann die Bezahlung. Um einen Artikel sauber zu recherchieren, ist man 5 Manntage beschäftigt. Bei einigen Hundert Euronen für so einen Artikel, kommt man aus dem Verhungern nicht mehr heraus.

    Fazit: Journalismus? Ja! Sauberer Journalismus? Ja! Aber: Zusatzangebote um die Sache quer zu finanzieren. Ein Paradebeispiel ist hier die Zeit.

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